Wie Pferde wirkten

Was genau in der Arbeit mit Pferden wirkt, ist kaum erforscht. Einige Merkmale der Lebensweise von Pferden werden aber in verschiedensten Kontexten immer wieder als Gründe dafür genannt, dass pferdegestützte Interventionen wirken. Es gehören zum Beispiel ihr soziales Verhalten als Herdentier dazu, ihre Fähigkeit der analogen Kommunikation und die Fähigkeit, ihren sozialen Status in der Herde zu erkennen und einzufordern Die mit Pferden gemachten Erfahrungen von Bindung, Vertrauen, Zuneigung, Zuverlässigkeit, Klarheit über Grenzen usw. können auf zwischenmenschliche Beziehungen übertragen werden. Pferde bewirken eine motivierende, stress und angstfreie Atmosphäre sie erlauben, oft gesuchte, Nähe und Berührung. Und, Pferde sind absolut real und unmittelbar in Gegenzug zu in unserer zunehmend virtuellen Gesellschaft.

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  • Pferde sind soziale Herdentiere

    Als Herdentiere haben Pferde einen ausgeprägten Sozialtrieb, jedes Einzeltier trägt zu einer funktionierenden Gemeinschaft bei. Sie sind gesellig, neugierig und suchen Kontakt untereinander. Dabei entscheidet jedes Individuum immer wieder neu, mit welchem anderen Individuum es welche Art von Kontakt pflegen möchte und welcher räumliche Abstand dazu nötig ist. Die optimale Nähe bzw. Distanz stellt es über feine körpersprachliche Signale her. Pferde verfügen dabei über differenzierte nonverbale Ausdruckssignale und eine feine Wahrnehmung. Während der langen Zeit ihrer Domestizierung haben Pferde gelernt, menschliche Signale wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Für Menschen ergibt sich im Umgang mit Pferden die Möglichkeit, ihre eigenen Grenzen, die für die eigene situationsspezifisch optimale Balance zwischen Abgrenzung und Nähe herauszufinden und einzufordern.

  • Pferde kommunizieren non-verbal

    Die non-verbale Kommunikation entspricht der Kommunikation in der frühkindlichen Beziehung, bevor das Erlernen der Sprache dem Kind die verbale Kommunikation ermöglicht. Der Kommunikationsforscher Paul Watzlawick geht davon aus, dass intensive Gefühlszustände in Beziehungen non-verbal ausgedrückt werden. Die non-verbale Kommunikation bezieht sich immer auf das Hier und Jetzt; sie ist stets echt und situationsbezogen. Pferde zeigen ein ausdruckstarkes Verhalten in ihren Körpersignalen, die vom Menschen lesbar sind. Z.B. Mimik, Schweif-, Kopf- und Körperhaltung. Wenn Pferde mit Menschen interagieren, reagieren sie auf die non-verbalen Anteile der Kommunikation des Menschen. Diese Anteile ihrer Kommunikation sind dem Menschen oft nicht bewusst, können aber über die Reaktion des Pferdes bewusst gemacht werden. Dabei werden auch Diskrepanzen zwischen dem non-verbalen, körpersprachlichen und verbalen Ausdruck aufgedeckt, die in pferdegestützten Interventionen gezielt genutzt werden. Durch die non-verbale Kommunikation zwischen Tier und Mensch sind Dinge wie Sarkasmus, Ironie und doppeldeutige Aussagen ausgeschlossen.
  • Pferde suchen und fordern ein Führungs- und Folgeverhalten

    Pferde suchen und fordern Führung, die auf Vertrauen basieren muss, sonst zeigen sie kein Folgeverhalten, sondern suchen sich ein anderes Leittier, oder sie melden einen eigenen Führungsanspruch an. Die Führung eines Pferdes gelingt nur durch Klarheit im Umgang und einer möglichst großen Übereinstimmung zwischen non-verbaler und verbaler Kommunikation. In angeleiteten Mensch-Pferd-Interaktionen können deshalb Aufgaben bewältigt werden, die dem Menschen einen kreativen Lösungsraum bieten. Bei solchen Interaktionen werden Empathie, emotionale Intelligenz und natürliche Führungskompetenz bewusst gemacht und gestärkt. Es können Erfahrungen mit Frustrationen, Angst und Aggression in einem geschützten Rahmen gemacht werden. Ein Mensch, der eine bewusste Mensch-Pferd-Interaktion erlebt, erhält sofortige Rückmeldung über jede Veränderung seiner Einstellung und seines Auftretens.

  • Pferde bieten eine wertfrei Annahme und eine unmittelbare Rückmeldung

    Pferde nehmen den Menschen so an, wie er ist. Welche Probleme, Krankheiten, Auffälligkeiten er mitbringt interessieren sie nicht, Kulturelle menschliche Formen wie Hierarchien oder Status, Rhetorik, eindrucksvolle Kleidung, Fachwissen usw. sind für ein Pferd irrelevant. Sie nehmen keine kulturelle und kognitive Bewertung vor. Sie bieten dem Menschen damit einen wertungsfreien Rahmen in dem Veränderung stattfinden darf. Gerade weil Pferde nicht in kulturellen, bewertenden Kategorien denken, fällt es vielen Menschen leichter, durch das Tier mit eigenen Unzulänglichkeiten konfrontiert zu werden und diese zu akzeptieren. Ähnlich schonungslos und unmittelbar, wie die Pferde uns unsere Unzulänglichkeiten spiegeln, zeigen sie durch ihr Verhalten auch unmittelbar an, wenn ein Mensch seine Einstellung und sein Verhalten verändert.

  • Auswirkung durch Tierkontakt auf körperliche Vorgänge

    • Senkung der Herzfrequenz
    • Senkung des Blutdrucks
    • Steigerung des Oxytocin- Spiegels
    • (zB.: erhöht zum Beispiel das 5-24 minütige Streicheln eines Hundes den Oxytocin- Spiegels signifikant, sowohl beim Menschen als auch beim Hund)
    • Senkung des Kortisolgehaltes im Speichel
  • Grenzen der pferdegestützten Interventionen

    • Allergien gegen Pferde
    • starke körperliche Erkrankungen
    • Einschränkungen in der Reaktionsgeschwindigkeit
    • akute Schizophrenie und Suizidalität
    • starke geistige Einschränkung
    • höheres Unfallrisiko durch den Einsatz eines Pferdes z.B. Beißen, Treten, Herunterfallen.
    • Menschen, die überhöhte Erwartung an den Tierkontakt haben (z.B. „ich will das Tier jederzeit anfassen können“) müssen lernen mit der Erfahrung umzugehen, dass sich das Tier ihren Wünschen entzieht.
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